13.10.2010

Schretzmeiers Vorwort – November 2010

LIEBES PUBLIKUM,
Sie gehen einem nicht aus dem Sinn – die Bilder vom 30.9.2010, dem „blutigen Donnerstag“ im Stuttgarter Schlossgarten. Stellvertretend für alle Menschen die an diesem Donnerstag dabei waren und Widerstand geleistet haben, die verletzt wurden, die sich nicht entmutigen ließen, jung und alt nebeneinander, sich gegenseitig schützend und fassungslos über die unverhältnismäßige Aggression der Polizisten, möchte ich einen Artikel aus der „Tageszeitung (taz)“ vom 7.10. zitieren. Da war auszugsweise folgendes zu lesen: „Er ist der, der die tiefste Narbe im Stuttgarter Kampf um die Zukunft des Landes davongetragen hat: Das grauenerregende Bild von Dietrich Wagner ging durch alle Zeitungen, nachdem die Wasserwerfer der Polizei dem 66-jährigen Rentner am Donnerstag ein Auge ausgeschossen hatte. Am Mittwoch hatte Wagner bereits seine zweite Augenoperation – und eine weitere steht noch aus. Ob der Ingenieur im Ruhestand jemals wieder wird sehen können, das vermögen die Ärzte noch nicht zu sagen. „Sein allgemeiner Zustand ist stabil, doch seine Augen sind noch immer schwer verletzt“, sagte eine Sprecherin des Stuttgarter Katharinenhospitals am Mittwoch der taz. „Wie sich der Zustand des Patienten entwickelt, das müssen die nächsten Wochen zeigen.“ Es wird ein dramatisches Warten sein. Denn Dietrich Wagner droht an
einem Staat zu erblinden, der selbst die Augen vor der Realität verschlossen hat. Als die Polizei den Strahl auf sein Gesicht richtete, wollte er sich gerade schützend vor die zu seinen Füßen zusammengepferchten Schüler stellen. In einem Gedächtnisprotokoll schreibt er: „Ich erhob meine Arme und winkte mit beiden Armen dem Wasserwerferfahrer und den anderen Beamten zu, um sie zum Einhalten zu bewegen.“ Dann wurde er weggepustet, verlor sein Bewusstsein, vielleicht sein Augenlicht.“ In der Zwischenzeit wissen wir, dass Dietrich Wagner auf seine dritte OP wartet. Das eine Auge wird laut dem Chefarzt der Augenklinik des Katharinenhospitals seine Sehfähigkeit soweit verlieren, dass diese deutlich unter einer Lesefähigkeit liegt. Für das andere Auge sei die Prognose völlig offen. „Derartige durch Wasserwerfer verursachte Verletzungen sind mir in meiner ganzen Karriere nicht unter gekommen“, so die Aussage des Chefarztes. Im Angesicht solcher Ereignisse, solcher Schicksale, ist die bisherige Verhaltensweise der politisch Verantwortlichen überhaupt nicht zu begreifen. Keine explizite Entschuldigung, nur allgemeines Bedauern ist die Reaktion dieser Herren. Auch daran sollten wir am 27. März 2010 denken.
Der Fotograf und Musiker Zam Helga war an diesem Donnerstag unter den Demonstranten. Seine Kamera war dabei. Am 3.10. hat er uns ein e-mail geschickt in dem er über die Ungleichheit der Macht schreibt, über das anfühlen des Moments der sekundenschnell eine brutale, nicht mehr zu verändernde Atmosphäre herstellt. Sein mail endet mit den Zeilen „Ich würde mir ja mal wünschen, dass da ein paar ihre Uniformen ausziehen und sagen, ich lasse mich so nicht instrumentalisieren. Aber Joni Mitchell (die amerikanische Songwriter-Legende) hat ja auch schon von Bombern gesungen, die sich in Schmetterlinge verwandeln… Träumer halt…“
Zam Helgas Fotos werden ab dem 12.12.2010 im Theaterhaus zu sehen sein. Doch vorher wird der November eine Fülle von interessanten, recht unterschiedlichen Vorstellungen bieten. An erster Stelle stehen die beiden
Premieren am 20. und 24.11. Am 20.11. wird die Choreographin und Regisseurin Nina Kurzeja Dea Lohers Stück „Tätowierung“ mit Tanz und Musik von einer Beziehung erzählen, die im Gegengewicht zu dem tabuisierten Thema Missbrauch stehen wird. Der Cellist und Komponist Scott Roller wird zwischen improvisierten Klängen, klassischen und zeitgenössischen Musikstilen der Tänzerin Kira Senkpiel Impulse für die jeweiligen Szenen geben. Musik für den Tanz – die Bewegung für den Klang. Die eigentlichen Dialoge des Stückes werden wie Zeugenaussagen per Ton eingespielt. Ein inhaltlich, wie formal sehr ambitioniertes künstlerisches Unternehmen, dem ihre Aufmerksamkeit gehören sollte.  Am 24.11. wird eine der wenigen interessanten weiblichen Comedy-Darstellerinnen die wir in Deutschland haben, die Ex-Stuttgarterin Patrizia Moresco, ihr neues Programm präsentieren. 5 Vorstellungen haben Sie, liebes Publikum, die Gelegenheit dieses komödiantische Talent zu erleben.
Und wenn Sie wieder mal Flamenco-Tanzkunst in bester Qualität erleben wollen, vom 16. – 18.11. gibt es ein Wiedersehen mit dem Flamenco-Tanzensemble „Flamencos en Route“, die im April diesen Jahres von der Stuttgarter Presse und dem damaligen Publikum einhellige Begeisterung erfuhren. Ein künstlerischer Genuss, den Sie sich nicht entgehen lassen sollten!  Und der Dezember beginnt mit der Premiere einer neuen Produktion unseres Schauspielensembles. Also wieder mal tausend gute Gründe ins Theaterhaus zu gehen.
Wir freuen uns auf Sie. Im Namen der Theaterhaus-Belegschaft,
Ihr Werner Schretzmeier

20.09.2010

Schretzmeiers Vorwort Oktober 2010

LIEBES PUBLIKUM,
Sie kennen sicherlich die Situation wie es ist, unterschiedliche Ereignisse unter einen Hut bringen zu wollen. Da tobt einerseits die Ausein- andersetzung um Stuttgart 21, ein Thema von grundsätzlicher Bedeutung um die Frage, wie weit muss die Bürgerschaft politisch-parlamentarische Beschlüsse hinnehmen, bzw. wie weit müssen die von der Bürgerschaft gewählten politischen Vertreter ihre Wähler zu Rate ziehen. Andernseits sollen aber die ureigenen Interessen, in diesem Fall die umfangreichen Programmangebote des Hauses für den Monat Oktober, nicht zu kurz kommen. Knifflige Angelegenheit, zumal auch Sie, liebes Publikum, ganz sicher zum Thema Stuttgart 21 keine einheitliche Meinung haben.
Zum Thema Programmangebot dürfte die Lage ähnlich sein, deshalb versuchen wir Monat für Monat vielfältig, unterschiedlichst an Sie heranzutreten, immer in der Hoffnung, dass für jede und jeden genügend akzeptable Angebote darunter sind. Im Oktober können Sie unter sage und schreibe 106(!) Vorstellungen bzw. Veranstaltungen aussuchen. Eine nicht alltägliche Fülle, die nur deshalb Zustande kommt, weil wir voller Vertrauen sind – Ihnen gegenüber. Read more…

18.06.2010

Vorwort Juli 2010

Liebes Publikum

Wir haben Dank zu sagen. Dank an eine Person die vor wenigen Tagen gestorben ist und das Theaterhaus seit 1987 im wahrsten Sinne des Wortes „sauber “ gehalten hat. Ich verneige mich vor EVGA STOJANOVA, die all die kleinen Ferkeleien die uns allen tagtäglich passieren, stetig weggeputzt hat um am nächsten Tag das gleiche zu machen und das 365 mal im Jahr. Anfang der 90er Jahre wollte sie selbstständig werden, weg von der fest angestellten Reinigungskraft hin zur Unternehmerin. Ihre Söhne wurden ihr Rückhalt, aber Evga war weiterhin täglich im Einsatz. Nach dem Grundsatz „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ vergrößerte sie ihren Stern-Gebäude-Service.
Nachlässigkeit konnte sie nicht ausstehen und darüber hinaus war sie auch eine energische Kommunikatorin. Dass wir in 23 Jahren keine andere Reinigungsfirma beauftragen wollten, ist Ausdruck unserer großen Zufriedenheit mit der Qualität von Evgas Firma. Ihr Sohn Kiro wird weitermachen. Auch sein Level liegt hoch. Wir gedenken Evga Stojanova, dieser herzlichen, kommunikationsfreudigen und gewissenhaften Frau.

Wir gedenken auch der Autorin, Schauspielerin und Mitbegründerin des Theaterkollektivs „Rote Grütze“ Berlin, HELMA FEHRMANN, die ebenfalls vor wenigen Tagen verstorben ist. Die Theaterklassiker „Darüber spricht man nicht“, „Was heißt hier Liebe?“, „Mensch ich lieb Dich doch“ oder „Gewalt im Spiel“, hat sie mitentwickelt, geschrieben, gespielt und inszeniert. Das Theaterhaus spielt seit 20 Jahren die Produktion „Was heißt hier Liebe?“.
Immer noch und immer wieder begeistert dieses Stück junge Menschen, die allermeisten bei ihrem allerersten Theaterbesuch. Jede Vorstellung ist auch eine Verneigung vor Helma Fehrmann, sie hat dem deutschsprachigen Kinder- und Jugendtheater eine Leistung hinterlassen, die nicht hoch genug gewürdigt werden muss, schließlich haben die Stücke mit ihrer Beteiligung Mitte der 70er Jahre eine neue inhaltliche und ästhetische Form im Kinder- und Jugendtheaterbereich eingeläutet. Dieses Genre wurde plötzlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen und begann erfolgreich zu werden. Im Manufaktur-Zelt, das 1979 für 3 Monate auf dem Stuttgarter Karlsplatz stand, spielte das Theater „Rote Grütze“ ihre Produktion „Mensch ich lieb Dich doch“ 12 Vorstellungen. 12 Mal ausverkauft. 12 Mal 850 Schüler und Schülerinnen. Und so war es in der ganzen Bundesrepublik. Freies Theater, Theater für junge Leute, politisch, fortschrittlich, witzig, erfolgreich.
Das hat Helma Fehrmann hinterlassen und dafür wird sie von uns nicht vergessen.

Aber „Lebe geht weiter“, wie es der Fußballphilosoph Dragan Stepanovic so schlicht und richtig formulierte. Innehalten und weitergehen, dieses Paradox begleitet uns tagtäglich.

Neues entsteht. Zum Beispiel am 1. Juli: CHRISTIAN SPUCK choreographiert und inszeniert Poppea//Poppea (siehe S. 16 + 17) mit dem Tanzensemble des Hauses, GAUTHIER DANCE. 4 Tänzerinnen und 4 Tänzer plus ERIC GAUTHIER werden ein weiteres Kapitel in der Erfolgsgeschichte dieser Company aufschlagen.
Ein Muss für alle Tanzinteressierten und für alle, die unser Tanzensemble kennen lernen wollen. Voller Vorfreude kann ich Ihnen diese Produktion wärmstens empfehlen.

Eine zweite Premiere, dieses Mal von der Schauspielabteilung des Theaterhauses, wird am 25. Juli stattfinden. Der Erfolgsroman „Scherbenpark “ von  Alina Bronsky, für die Bühne eingerichtet von Thomas Richhardt.
(siehe S. 8 + 9) Die wunderbare LARISSA IWLEWA wird diese Uraufführung präsentieren und Ihnen eine Geschichte erzählen, die voller Lebensfreude steckt. Vor der Suchtgefahr wird ausdrücklich nicht gewarnt.

Und dann möchte ich Sie noch auf die Seiten 30 bis 33 aufmerksam machen. Da ist unser Sommerprogramm aufgeführt. Zu Ihrer Freude und Information. Auch im August brauchen Sie Theaterhausluft. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. 

Rezeptfrei und pudelwohl grüßt herzlich,

Ihr Werner Schretzmeier

17.05.2010

Vorwort Juni 10

Liebes Publikum
Auch im Fußballmonat Juni bieten wir Ihnen glänzende künstlerische Alternativen. Aber auch eine kulturelle Einstimmung in das Ballsportereignis in Südafrika: Ernst Konarek, in seinen jungen Jahren ein gefürchteter Torjäger in Österreich, mit einem ihm angemessenen Abend „Früher waren mehr Tore“, die ultimative Lesung zur Fußball-WM. Nach Konareks Leseprogramm wissen Sie definitiv mehr über dieses weltweit verbreitete Phänomen.
Konareks Blick auf und in den Fußball, lässt selbst den härtesten Gegner dieser Sportart ins Grübeln kommen. Soll ich doch mal einen Blick auf dieses Geschehen werfen? Einfach mal ein kleines Getränk im Hof des Theaterhauses bestellen und ganz zufällig auf die Großbildfläche schauen (wir haben während der WM eine solche, man nennt es Public-Viewing) und nebenbei die Reaktionen der Fußballfans studieren, so dass man immer noch sagen kann, ich war nur wegen Studienzwecken dabei. Hin oder Her, es gibt eine weitere Vertiefung zu diesem Ereignis: Die TH-Schauspielproduktion „Schiedsrichter Fertig“, seit einem Jahr im Schauspielrepertoire und in dieser Zeit zu einer Attraktion geworden.
Nun zu den Alternativen: Am WM-Eröffnungstag mit dem Stuttgarter Onnenchor, „Virginia Woolf“ und Ernst Konarek, dieses mal mit seinem großartigen Theatersolo „Die Judenbank“. Wenn Sie noch keine Gelegenheit hatten, den Dokumentarfilm „Lisette und ihre Kinder“ anzusehen, noch einmal wird er gezeigt, am 15.6., mit anschließendem Gespräch zwischen der Regisseurin Sigrid Klausmann und der Hauptdarstellerin Lisette. Ein anrührendes, anregendes, äußerst informatives Dokument. Und einen Tag später kommen die Musikliebhaber voll auf ihre Kosten: Anlässlich seines 1. Todestages gibt es den „Tribute to Charlie Mariano“. Dieser legendäre Musiker, der so fest mit der Geschichte des Theaterhauses verbunden ist, der so viele wunderbare Konzerte im Theaterhaus spielte, der so unverwechselbare Töne in der Jazzwelt zurückließ, wird von fünf ihm sehr nahe stehenden Musikern gewürdigt. Philip Catherine und Jasper van’t Hof, die mit ihm die unvergessliche Gruppe „Pork Pie“ bildeten, oder Dieter Ilg, der mit Charlie Mariano ein großartiges und sehr erfolgreiches Duo bildete. Am 16. Juni 2009 ist Charlie Mariano gestorben, am 16. Juni 2010 wollen wir ihn in Erinnerung rufen. Am 19.6. findet die 100. Vorstellung unserer Schauspielproduktion „Die Grönholm-Methode“ statt. Eine Erfolgsgeschichte, meisterlich inszeniert von Klaus Hemmerle, ebenso meisterlich gespielt vom TH-Schauspielensemble Und es heißt von einer Schauspielproduktion Abschied nehmen: „Du bist meine Mutter“ von Joop Admiraal, diesem großartigen niederländischen Schauspieler, Autor und Regisseur, gespielt vom exzellenten Menschendarsteller Stephan Moos, seit zwei Jahrzehnten Mitglied unseres Schauspielensembles. Eine wunderbare Ausstattung und eine ebensolche Regie, runden diese Theaterproduktion ab. Am 15.6.2004 feierte „Du bist meine Mutter“ Premiere, am 23.6.2010, 6 Jahre, bzw. 125 Vorstellungen später sagen wir auf niederländisch „vaarwel“, also „Tschüss“.
Und wenn wir schon bei den Niederlanden sind, am 6. Mai hat uns der niederländische Botschafter Marnix Krop besucht. Nach einem ausführlichen Rundgang durchs Haus zeigte sich der Botschafter äußerst erstaunt über die Tatsache, dass das Haus bei einem städtischen Subventionsanteil von gerade mal 18% trotzdem so erfolgreich arbeiten kann, da ja auch zwei Ensembles (Schauspiel und Tanz) zu unterhalten sind. „Um Himmels Willen, wie machen Sie das?“ war seine Frage. Wir haben ihn aufgeklärt.
Abschließend ein Hinweis auf den 1. Juli 2010. Christian Spuck, designierter Ballettdirektor am Opernhaus Zürich, wird nach „Don Q.“ eine weitere abendfüllende Choreographie fürs Theaterhaus produzieren. Mit Eric Gauthier und der Tanzcompany wird Spucks neueste Tanzkreation Poppea//Poppea am 1.7. seine Welturaufführung feiern.
Und am 8. Juli wird eine neue Schauspielproduktion Premiere haben:
„Scherbenpark“ von Alina Bronsky. Die Theaterfassung dieses literarischen Romanerfolges stammt aus der Feder von Thomas Richhardt. Als Hauptdarstellerin wird die großartige Larissa Iwlewa zu sehen sein.
Übrigens – die Autorin Alina Bronsky wird am 22.6. im Literaturhaus Stuttgart mit „Scherbenpark“ zu hören sein.
Die Alternativen sind reichlich. Greifen Sie zu. Wir freuen uns auf Sie, liebes Publikum.
Herzlichst Ihr Werner Schretzmeier