24.11.2009
Vorwort Dezember
Liebes Publikum,
Landauf, landab wird momentan appelliert, dass die Kulturausgaben der Kommunen und Länder, Investitionen in die Zukunft sind, Investitionen die dringend notwendig sind, weil sie auch in engerem Sinne die Bereiche Bildung und Kreativwirtschaft beeinflussen und stärken. Aber auch eine Sozialpolitik die erfolgreich sein will, kann auf die vielen positiven Synergien aus der Kultur, nicht verzichten. Alles richtig, allein die politische Wirklichkeit sieht anders aus. Noch. Kürzungen stehen ins Haus, kulturelle Entwicklungen sollen zerstört werden, die Arbeit vieler kulturell engagierter Menschen, die fernab jedes sozialen Standards über Jahre aktiv sind, steht zur Disposition. Als ob die Einsparungen im Kulturbereich die Finanzmisere entscheidend verringern würden. Während die Auslöser dieser weltweiten Finanzkrise sich schon wieder kräftig die Taschen füllen, mit vielen Milliarden Steuergeld, während also die Bankenwelt bereits wieder in Dividenden denken, werden Theaterfestivals, Kulturinitiativen und komplette Kultureinrichtungen mit all ihrer Infrastruktur, durch den Rotstift bedroht.
Ein Umdenken ist in vielen Kommunen noch möglich, da die städtischen Haushalte in der Regel erst im Laufe des Dezembers verabschiedet werden. Es ist den Menschen landauf, landab zu wünschen, dass die von ihnen gewählten Vertreterinnen und Vertreter die Verhältnismäßigkeit dieser politischen Entscheidung richtig einschätzen können. Sie sollten sich daran erinnern, wie schnell Städte, Länder und der Bund Millionen und Milliarden aus ihren laufenden Haushalten herausnehmen konnten um die ach so notleidende Bankenwelt zu unterstützen. Wo ist dieses viele Geld denn versteckt gewesen?? In leeren Keksdosen zu Hause bei den Finanzpolitikern?? Warum gibt es keine Keksdose für die ausreichende Finanzierung von Volkshochschulen?
Eines hat der Kollaps der Bankenwelt doch gezeigt: Es scheint „Haushaltsreste“ zu geben und es gibt die Verschuldungsmöglichkeit!!
Verschulden wir uns doch für die Kultur, für die Bildung, für den Sozialbereich! Diese Verschuldung wird zurückbezahlt, mit besser ausgebildeten Menschen, mit besserer Integration! Rechnet jemand ernsthaft mit der Rückzahlung durch die Banken? Nein!
Noch ein Blick ins Innenleben des Theaterhauses: Vielen ist nicht bekannt, dass das Theaterhaus in der Zwischenzeit 76 festangestellte Beschäftigte hat. Die jährliche Ausgabe inklusive Arbeitgeberanteil beträgt 2,77 Millionen Euro. Die Subvention von Stadt und Land zusammen, beträgt jährlich
1,73 Millionen. Um allein unsere Personalkosten aufbringen zu können, müssen wir schon 1,04 Millionen € erwirtschaften. Da ist dann noch kein einziges Kilowatt Strom oder ein Liter Leitungswasser verbraucht, ganz zu schweigen von den notwendigen Euros für die Kunst. Alles muss verdient werden, alles muss der zwingend notwendige Erfolg bringen. Betrachtet man die Subventionsbeträge im einzelnen, wird die Dramatik unserer Existenz noch
deutlicher: Teilt man die 2,77 durch die 76 Beschäftigte, dann kostet ein Beschäftigter den Betrieb 36 447,- €. Der städtische Zuschuss beträgt 1,27 Millionen. Mit diesem Betrag könnten wir gerade mal 35 Personen beschäftigen. Mit 35 Menschen ist dieses Haus nicht durchführbar, außer man stellt die 25-jährige Geschichte des Theaterhauses auf den Kopf. Keine eigenen künstlerischen Produktionen mehr! Kein Schauspiel, kein Tanztheater!
Kein Günter Brombacher, kein Eric Gauthier. Kein Ernst Konarek, kein Egon Madsen. Aber selbst diese 35 Menschen müssten bereit sein für durchschnittlich 2300,- brutto pro Monat zu arbeiten. 12 Monatsgehälter, kein Urlaubs-, Weihnachts- oder sonst-wie-Geld. Kein Zuschlag, nix! Das ist die reale Situation aller Theaterhausbeschäftigten. Das Land steuert mit seinem Zuschuss von 460 000,- weitere13 Beschäftigte bei. Das ergibt zusammen 48 Personen. Die momentan 76 Beschäftigten sind allerdings aufs Dringendste notwendig!
Dass es in der Stuttgarter Kulturszene viele gibt, die weit weniger Auskommen im Monat haben, ist uns gegenwärtig und beschreibt die Brisanz der vorgesehenen Kürzungen sehr eindringlich. Es gibt aber auch Beispiele, die in die entgegengesetzte Richtung gehen, das sollte nicht verschwiegen werden. Schlussendlich werden wir trotz allen Einschränkungen weiterhin dieser Arbeit treu bleiben: wir lieben sie zu sehr. Wir haben große Freude an unserem Beruf und wir sind gerne für Sie, liebes Publikum, zu Diensten.
Unterstützen Sie uns und die Kulturschaffenden dieser Stadt weiterhin.
Ihnen, liebes Publikum, ein frohes Fest und ein glückliches neues Jahr!
Herzlichst, Ihr Werner Schretzmeier












